Dalmatiner- und Labradorzucht "VOM KIRBACH" FCI
    Zucht freundlicher Familienhunde   seit 1984

           Gabriele Kadatz  
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                            Audiometrische Untersuchung beim Dalmatiner - eine kritische Betrachtung (2003)

Dieser Beitrag ist für den "Dalmatinerkurier" (Zeitschrift des DVD) geschrieben worden und dort in Heft 6/2003 veröffentlicht worden.
Alle Zahlen und Fakten sind von mir sorgfältig recherchiert worden und sind nachprüfbar.

Seit etwa 12 Jahren ist die erbliche Taubheit und ihre Bekämpfung zu einem im Brennpunkt stehenden Thema für unsere Rasse geworden.

Blickt man in die vorhandene Literatur, so findet man in dem 1963 erschienen Buch “Der Dalmatiner” von E. Huch die Taubheit als “Fehler” zusammen mit Blauaugen, Zitronenfarbe und Tricolor erwähnt. In dem immer noch aktuellen Klassiker der deutschen Dalmatinerliteratur, “Der Dalmatiner” von E. Wagner , erschienen 1976, wird die Taubheit als Fehler erwähnt, der auch bei anderen Rassen vorkommt. Ein Zusammenhang mit blauen Augen wird vermutet, aber von den Amerikanern, deren Standard die blaue Augenfarbe zuläßt - bestritten. Der Erbgang sei unbekannt, auf jeden Fall solle man mit tauben und schwerhörigen Hunden nicht züchten.
1982 erschien das Buch “Der Dalmatiner” von E. Frankling, aus dem englischen übersetzt und bearbeitet von E. Wagner. (Alle Autorinnen waren Züchter und anerkannte Kenner der Rasse). In dem Kapitel “Dalmatinererbe-genetische Betrachtungen - findet man eine ganze Seite über Taubheit:
Dr. Henricson aus Stockholm habe zweifelsfrei festgestellt, daß die Ursache der Taubheit nicht im Innenohr - wie bis dahin vermutet - zu suchen sei, sondern im Hörzentrum, das verschiedengradige Degenerationen aufweise. Der Erbgang sei vermutlich dominant, der Ausprägungsgrad verschieden von leicht geschädigtem Hörvermögen bis vollständiger Taubheit.
Die Autorin selbst habe bis dahin aus ihrer eigenen züchterischen Erfahrung heraus angenommen, daß Dalmatiner entweder einwandfrei hören oder aber taub seien.

Auch dieses Kapitel schließt mit dem Hinweis, nicht mit tauben Hunden zu züchten.

( Heute ist man sich darüber einig, daß die Ursache der Taubheit an der fehlenden Entwicklung der Sinneszellen im Innenohr liegt. Diese kongenitale (erbliche) sensorineurale Taubheit ist vollständig).

1991 erschien in Heft 3 der Dalmatinerpost ein Beitrag von Herrn J. Fertig, damals Obmann für Zucht und Richterwesen im DDC, “Taubheit in Amerika.”, eine gekürzte übersetzte Darstellung eines in Amerika erschienenen Beitrags über Taubheitsforschung bei Dalmatinern. Seit 1988 arbeite eine Forschungsgruppe aus Neurologen und Mitgliedern der Dalmatinervereine mit aus einem Forschungsprogramm des AKC stammenden Geldern an der Erforschung der Taubheit beim Dalmatiner. Dabei werde ein ca. 20000 Dollar teures Gerät aus der Humanmedizin eingesetzt, mit dem man nicht nur vollständige, sondern auch einseitige Taubheit feststellen kann.(Bei “leichter Sedation” werde mit in die Kopfhaut gesetzten Elektroden die Reaktion auf akustische Reize -70 bis 105 Dezibel laut- gemessen und graphisch dargestellt.). Gleichzeitig werde mit großem finanziellen Aufwand Genforschung betrieben, und es sei zu hoffen, daß in etwa 5 Jahren der “genetische Schlüssel” für die Taubheit gefunden werde.
Auf Initiative von Herrn Fertig wurden 2 Geräte für die audiometrische Untersuchung bei Hunden in Amerika vom DDC gekauft.
An der Universität München wurde zu diesem Thema bereits geforscht, dort befand sich ein Gerät, ein weiteres in einer Praxis in Trier.

Soviel zur “Vorgeschichte” der audiometrischen Untersuchung in Deutschland.

Im DDC wurde ab 1995 die audiometrische Untersuchung der Zuchttiere (rückwirkend!) zur Pflicht. (Etliche Züchter mußten ihre bewährten Hündinnen, die sie bis dahin für vollkommen gesund gehalten hatten, aus der Zucht nehmen). Im DVD wurde die Untersuchung Pflicht für neu zur Zucht zugelassene Hunde.

Die bei den amerikanischen Untersuchungen (Strain u.a.) festgestellten Zahlen - ca. 8 % beidseitig taube Dalmatiner, ca. 20 % einseitig hörende Dalmatiner ) wurden von nun an in allen Veröffentlichungen weltweit angegeben. Um das Thema noch wichtiger zu machen , wurden alle betroffenen Hunde - also auch die einseitig hörenden- als taub bezeichnet: fast ein Drittel aller Dalmatiner sei taub !
Dieser Sprachgebrauch ist bis heute üblich geblieben. Ob diese Wissenschaftler einen Menschen, der nur auf einem Auge sehen kann, als “blind” beschreiben würden ?!
Dabei sind sich alle Beteiligten darüber einig, daß einseitig hörende Hunde keine feststellbare Behinderung aufweisen, und es wird betont: “einseitige Taubheit ist nur mit Hilfe der Audiometrie feststellbar”.
Bei einseitig hörende Hunden besteht allerdings eine leichte Störung des Richtungshörens ( Richtungshören wird durch die zeitliche Differenz, in der der Schall beide Ohren erreicht, möglich und aus Erfahrung (wer oder was macht welches Geräusch).
In der Praxis ist das Richtungshören für den sich vorwiegend mit der Nase und den Augen orientierenden Hund unbedeutend.

Schlimmer als die unfaire Wortwahl ist die Übernahme der amerikanischen Zahlen auf die deutsche bzw. europäische Population. Das ist wissenschaftlich nicht korrekt - getrennte Populationen müssen getrennt betrachtet werden! Der deutsche Dalmatiner hat seit über 100 Jahren - also länger als es z.B. den weit verbreiteten deutschen Schäferhund als Rasse überhaupt gibt - mit den amerikanischen Hunden nichts zu tun. Es hat nie einen erwähnenswerten Austausch von Zuchttieren gegeben.

In Deutschland wurden im Zeitraum vor der Einführung der Audiometrie (1990 bis 1994) folgende Zahlen in den Zuchtbüchern (alle 3 Vereine) veröffentlicht:

Von 4576 geborenen Dalmatinerwelpen waren 131 taub, das sind 2,86 %.

Die einseitig hörenden Hunde wurden in den folgenden Jahren in Deutschland aus der Zucht genommen bzw. nicht mehr zugelassen. Ihr Prozentsatz ist etwa 2-3mal so hoch wie der der tauben Hunde.

1997 versuchte der VDH-Zuchtausschuß, die audiometrische Untersuchung für alle Dalmatinerwelpen zur Pflicht zu machen. Fehlende rechtliche Grundlagen und von vielen Züchtern geäußerten tierschutzrechtlichen Bedenken konnten diese Maßnahme verhindern.
Inzwischen ist die Zahl der Geräte bzw. Standorte auf 18 angestiegen. es wurde versucht, die Untersuchungen zu standardisieren
An den Universitäten Göttingen und Hannover wurde mit Forschungsarbeiten zum Thema “ genetische Grundlagen der Taubheit beim Dalmatiner “ begonnen.
Die Genforschung macht rasante Fortschritte, auch bei Hunden. Im Internet kann man unter den Adressen “vetgen.com” und “optigen.com” 2 Firmen besuchen. Beide bieten für je ca. 30 Rassen patentierte Gentests für verschiedene Merkmale/Krankheiten an, Kosten zwischen 30 und 320 Dollar pro Untersuchung.

Die Universität Göttingen bekommt von DVD-Züchtern auf freiwilliger Basis Blutproben von untersuchten Tieren (bis jetzt von über 100 Hunden), die Universität Hannover, deren Forschungsarbeit von der GKF (Gesellschaft zur Förderung Kynologischer Forschung ) unterstützt wird, von Züchtern des CDF, dort ist die Untersuchung der Welpen seit 2001 Pflicht.
Die Universität Hannover berichtet nun über erste Erfolge, aus “ 24 Kandidatengenen habe man die wichtigsten herausfiltern können”.
Anscheinend reichen nun die Blutproben für weitere Forschungsarbeiten nicht mehr aus. Wenn es nur um den Hund ginge, könnte man ja vorschlagen , die beiden nur 120 km voneinander entfernten Universitäten arbeiten zusammen, oder noch besser- im vereinten Europa- streben eine Zusammenarbeit mit der Universität Utrecht an, wo seit Jahren standardisierte audiometrische Untersuchungen bei Dalmatinern durchgeführt werden. Aber das ist in der Forschung nicht üblich, und so bleibt es beim Wunschdenken zum Wohle der Hunde.

Ausgerechnet der kleinste Dalmatinerverein CDF meint nun, in Zusammenarbeit mit dem VDH, die beiden anderen Vereine “in die Spur bringen “ zu müssen.
Der VDH droht damit, DDC und DVD auszuschließen, wenn diese nicht auch die audiometrische Untersuchung aller Welpen zur Pflicht machen.

Die bisherigen züchterischen Maßnahmen sollen noch einmal deutlich gemacht werden:

Taube Hunde wurden schon immer von der Zucht ausgeschlossen. Zusätzlich haben die Züchter schon immer eine Selektion vorgenommen, indem sie Rüden , die vermehrt Taubheit gebracht haben, gemieden haben und die, die keine oder wenige taube Nachkommen hatten, bevorzugt haben (wobei man anmerken muß, daß alle Rüden mit genügend Nachkommen (>100) auch taube Welpen gebracht haben.

Seit 1995 darf mit einseitig hörenden Hunden nicht mehr gezüchtet werden. Um diese Tiere überhaupt identifizieren können, hat der DDC ca. 130 000 DM seines Vereinsvermögens für die Anschaffung von audiometrischen Geräten ( mit Folgekosten) ausgegeben!
Alle zur Zucht vorgesehen Hunde -und nur auf diese kommt es an ! - müssen seit 1995 audiometrisch untersucht werden.

Die tauben Welpen wurden und werden von Züchtern/Zuchtwarten sicher erkannt, ihre Anzahl wird im Zuchtbuch dokumentiert (2002 lag dieser Wert im DDC und DVD unter 1%!). Die relative Anzahl der einseitig hörenden Hunde ist inzwischen bekannt.

Die audiometrische Untersuchung aller Welpen liefert also keine neuen Informationen für die Zucht.

Eine erfreuliche Zahl: Mit den bisherigen Maßnahmen ist die Anzahl der tauben Welpen in Deutschland um 25 % gesunken!! (Von 2,86 % (vor Einführung der Audiometrie s. o.) auf 2,14% (56 von 2609 Welpen, 2000 bis 2002 (Zahlen DDC, DVD).

Unser Nachbarland Holland dokumentiert nach 1-2 Generationen Zucht mit beidseitig hörenden Hunden ähnliche Erfolge: Der Prozentsatz tauber Welpen ist von 3,5 % vor Einführung der Audiometrie auf 2,8 % (20 von 700 Welpen, 2000 bis 2002) , also um 20 % gesunken.

Nun zur audiometrischen Untersuchung selbst. Was sich relativ einfach (vor allem für die, die selbst keine Dalmatiner züchten), anhört, kann in unserem großen Land bei nur 18 Standorten für viele Züchter ein großes Problem sein.

Immer noch müßten viele Züchter außer den Untersuchungskosten von durchschnittlich 500 Euro weite Wege ( 1-4 Stunden Fahrzeit) bei sommerlicher Hitze/Staus/Schnee / Glatteis/ mit durchschnittlich acht 7-8 Wochen alten Welpen im Auto auf sich nehmen. Die Welpen müssen nüchtern sein, dürfen also am Untersuchungstag nicht gefüttert werden (das bedeutet für die kleinen Tiere, die normalerweise 4-5mal am Tag gefüttert werden müssen je nach Fahrzeit bis zu 20 Stunden ohne Nahrung) Die notwendige Narkose ist immer ein gesundheitliches Risiko. Zusätzlich werden die Welpen in den Tierarztpraxen einer erheblichen Infektionsgefahr ausgesetzt.
7 Wochen alte Welpen - in der Regel von VDH-Züchtern sorgfältig und mit viel Liebe aufgezogen- ohne triftigen Grund einer solchen Tortur auszusetzen - ist vollkommen unverständlich.

Man kann nur hoffen, daß der Tierschutzgedanke Vorrang hat vor anderen Interessen. Jeder Züchter muß selbst entscheiden können, was er sich und seinen Welpen zumuten kann und will.

 

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